Donnerstag, 28. März 2013

Der Kleine

Das Karan mich finden sollte, war klar.
Aber ich dachte nicht, das er es so schnell schaffte.
Nachdem er mit Lukas fertig war, war er schon hinter mir her.
Ich hörte ein Rauschen hinter mir und als ich mich umsah, schaute ich ihm direkt ins Gesicht.
Ohne darüber nachzudenken ließ ich mich fallen, wich seinen nach mir greifenden Händen aus und schoss in die entgegengesetzte Richtung davon.
Als ich an Lukas' Leichnam vorbeikam, überkam mich kurz ein Schuldgefühl, doch ich schüttelte es sogleich wieder ab. Das war der falsche Augenblick, den Karan hatte sich inzwischen umgedreht und flog mir hinterher.
Ich flehte innerlich meinen Alani an, etwas schneller zu fliegen, doch der grüne Smaragd war schon am Ende seiner Kräfte. So wie ich auch.
Ich versteckte mich hinter einem Felsen und versuchte meinen keuchenden Atem zu beruhigen, während ich gleichzeitig sinnloserweise das grüne Licht an meinem Handgelenk versuchte zu verbergen.
Mithilfe seines schwarzen Alanis konnte Karan im Dunkeln sehen. Das düstere Licht sorgte zwar bei Tag nur für Schatten, bei Nacht aber ließ es die Welt für den Besitzer in einem unheimlichen grauen Licht erstrahlen, das niemand anderes sehen kann.
Als Karan vorbeiflog, presste ich mich an den Felsen.
Er blieb in der Luft stehen.
Drehte sich langsam um.
Ich dachte, er hätte mich bemerkt, aber er schüttelte nur den Kopf und flog weiter.
Plötzlich spürte ich eine warme Hand auf meinem Mund.
Ich versuchte mich umzudrehen, doch eine leise Stimme flüsterte in mein Ohr: "Sei still!" Ich nickte. Jeder war besser als Karan.
Ich ließ mich von dem/der Unbekannte/r wegziehen, langsam und leise in die bodenlose Dunkelheit hinter mir.

Als wir außer Hörweite waren, drehte ich mich um. Ohne das ich daran denken musste leuchtete der Alani auf und hüllte die Umgebung in ein sanftes grünes Licht.
Vor mir stand Ramon.
"Du?", keuchte ich.
Und plötzlich wurde mir alles klar.
"Du wolltest mich von Anfang an nicht ausliefern, oder?"
"Genau. Ich mag zwar ein böser kleiner Junge sein, aber ich werde bestimmt nicht den Schlüssel zur Zerstörung der Magicons an den größten Bösewicht unserer Zeit ausliefern!", meinte Ramon.
"Aber warum hast du mich dann überhaupt gefangengenommen?"
"Ich musste mir Karans Vertrauen erarbeiten.", erklärte er.
"Wenn du das Magicon nicht zerstören willst, warum hast du ihn dann geholt?"
"Ich habe ihn nicht geholt. Er ist von alleine gekommen."
"Aber wo warst du dann?"
Der Junge zögerte. "Nicht wichtig ...", murmelte er.
"Okay.", ích sah mich: "Was hast du jetzt vor?"
"Wir befreien Lirion und die anderen, besiegen Karan und holen die ganzen Leute aus dem Tresor raus."
"Das ist ein sehr einfacher Plan.", bemerkte ich.
"Die einfachen Pläne können nicht so schnell durchkreuzt werden. Je komplizierter ein Plan ist, desto mehr kann schief gehen."
"Von wem hast du das?", fragte ich.
"Das sagte einst ein weiser Mann ...", traurig senkte Ramon den Blick.
"Tut mir Leid.", meinte ich betroffen.
"Schon okay.", der Junge straffte sich wieder: "Los geht's."
Er hielt mir die Hand hin. Verwirrt sah ich ihn an.
"Na, wir müssen hoch fliegen! Und ich hab keine Flügel, also müssen wir deinen Fluchstein benutzen.", erklärte Ramon.
Ich nahm seine Hand.
Augenblicklich leuchtete der Stein noch heller als davor und im nächsten Moment schossen wir schon nach oben.
Zum Glück war der Tunnel, durch den wir senkrecht nach oben flogen, relativ breit, denn ich habe keine Ahnung, wie man scharfe Kurven bei hoher Geschwindigkeit machen kann o.O
Nachdem wir eine gefühlte halbe Stunde geflogen waren, kamen wir auf einem Felsenvorsprung an. Meine zitternden Beine hielten mich nicht mehr und ich fiel zu Boden. Ramon blieb unbeweglich stehen und wartete, bis ich mich wieder einigermaßen erholt hatte.
Dann gingen wir weiter.
Lirion und die anderen waren inzwischen in einer anderes Verlies gebracht worden.
Mein Chef war in einer separaten Zelle mit einem dicken Eisenring um den Hals.
Rayan, Julius und die anderen in einer gemeinsamen Größeren gegenüber.
"Worauf warten wir?", fragte ich.
Ramon und ich versteckten uns hinter einem Felsen direkt vor dem Eingang zum Kerker. Ich sah meine Freunde, konnte jedoch nicht zu ihnen.
"Auf die Wachablösung.", Ramon drehte sich um und ließ sich am Felsen hinuntersinken. Erst jetzt bemerkte ich, wie erschöpft der Kleine eigentlich war.
So etwas war wohl doch nichts für einen 10jährigen.
Ich setzte mich neben ihn, legte ihm den Arm um die Schulter. Er lehnte sich an die Meine und war sofort eingeschlafen.
Aber ich blieb noch lange wach. 

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